By Sascha
19 Jul, 2010 12:00 pm
Sagt der eine PR-Berater zum anderen: “Wie nennt man die kuerzeste Verbindung zwischen 2 Fettnaeppfchen? 1 Apple!” – Was Apple in den letzten 4 Wochen abgeliefert hat, entwickelte sich zum groessten PR-Desaster in der Geschichte der ehemaligen Undergods aus Cupertino und fand schliesslich ein furioses Finale in einer hoechst obskuren Pressekonferenz am letzten Freitag. War ich kurz zuvor noch fest davon ueberzeugt, dass Jobs es fertigbringen wird ueber den Schatten seines aufgepumten Egos zu springen und sich bei den Usern zu entschuldigen, schaffte es der ehemalig charismatische CEO von Apple es doch tatsaechlich eine Veranstaltung auf die Beine zu stellen, die eher unter dem Motto: “Nimm gefaelligst deine kostenlose Schutzhuelle und halte die Klappe” stand.
In meinen 25 Jahren als Apple-User war ich so einiges von dieser Firma gewohnt, was sich hauptsaechlich auf extrem positive Erlebnisse stuetzt. Das immer schon geschlossene Apple-Oekosystem wurde durch das sensationelle Produkt-Design und den erstklassigen Service immer wieder ausgeglichen, ja ich gehe sogar soweit zu sagen, dass der Apple-Kundenservice der beste der Welt ist, zumindest im Bereich der Computer-Industrie. Was da aber am Freitag abging, kann letztendlich nur darauf zurueckgefuehrt werden, dass “His Steveness” jeglichen Kontakt zur realen Welt verloren hat oder ganz simpel einen in der Krone hatte.
Anstatt einfach zu sagen: “Sorry Leute, wir haben Mist gebaut und es tut uns leid” wurde wieder einmal das erste Kapitel des Apple PR-Handbuchs aufgeschlagen: “Magische Superlative”. Steve versuchte den Anwesenden doch tatsaechlich zu verklickern, dass das iPhone 4 einen sensationellen und unvergleichlichen Empfang habe und dass dies alles nur eine Geschichte sei, die durch die Medien aufgebauscht wurde und im Grunde genommen jedes Telefon auf dem Markt betrifft. Jobs ging sogar soweit, die “Gesetze der Physik” heranzuziehen, nach dem Motto: “Wer ein Telefon in der Hand haelt, verlangt geradezu nach Empfangsproblemen”.
Is klar Steve und damit diese sensationelle Theorie auch noch gestuetzt wird, wurden gleich mal saemtliche Mitbewerber aufgefahren und in feinster Kindergartenmanier (“der/die hat das aber auch gemacht”)vermeintlich offenbart: BlackBerry Bold, HTC Droid Eris, und das Samsung Omnia II wurden vorgefuehrt und mit dem gefuerchteten “Deathgrip” bedacht (siehe hierzu auch Apples eigens eingerichtete Webseite). “Telefone sind nicht perfekt und die Probleme mit dem iPhone 4 sind eine Herausforderung fuer die gesamte Industrie”, so Jobs vor dem immer erstaunteren Publikum. Die Antwort von den Wettbewerbern liess natuerlich nicht lange auf sich warten:
Mike Lazaridis und Jim Balsillie (RIM):
Der Versuch von Apple, RIM in Apples selbst gemachtes Debakel mit hineinzuziehen, ist nicht akzeptabel. RIM ist weltweit führend im Antennen-Design und stellt seit über 20 Jahren effiziente und leistungsstarke Produkte zur kabellosen Datenübertragung her. In dieser Zeit hat RIM bewusst davon abgesehen, auf Designs zurückzugreifen, wie sie Apple im iPhone 4 genutzt hat, und stattdessen innovative Designs eingesetzt, die das Risiko von Verbindungsabbrüchen minimieren, besonders in Bereichen mit limitiertem Empfang. Eines ist sicher: Kunden von RIM brauchen keine zusätzliche Hülle für ihr Blackberry Smartphone, um vernünftigen Empfang zu haben. Apple hat Design-Entscheidungen getroffen, für die das Unternehmen nun auch Verantwortung übernehmen sollte, statt zu versuchen, RIM und andere in eine Situation mit hineinzuziehen, die nur mit Apple zu tun hat.
Nokia:
Antennen-Design ist ein sehr komplexes Thema und eine der Kernkompetenzen von Nokia in hunderten von Handy-Modellen in den letzten Jahrzehnte. Nokia war der Pionier der internen Antenne; das Nokia 8810, 1998 ins Leben gerufen, war das erste kommerzielle Handy mit dieser Funktion.
Nokia hat tausende von Entwicklungsstunden in das Studium des menschlichen Verhaltens investiert, einschließlich, wie die Leute ihre Handys für Anrufe zu halten, um Musik abzuspielen, Web-Browsing und so weiter. Wie man es von einem Unternehmen, welches sich “Connecting People” auf die Fahnen schreibt, erwarten kann, stellen wir Antennenleistung über das physikalische Design, sollten jemals Konflikte auftreten.
Im allgemeinen kann die Empfangs-Leistung eines mobilen Gerätes / Telefon durch einen festen Griff abnehmen, je nachdem wie das Gerät gehalten wird. Deshalb designed Nokia seine Telefone so, dass eine akzeptable Leistung in allen Anwendungssituationen gewaehrleistet ist, zum Beispiel, wenn das Telefon in einer der beiden Haende gehalten wird. Nokia hat tausende von Entwicklungsstunden ins das Studium investiert, wie die Leute ihre Handys halten und ermöglicht dies durch seine Designs, zum Beispiel indem Antennen sowohl auf der Ober-und Unterseite des Telefons eingebracht werden, sowie durch sorgfältige Auswahl der Materialien und deren Einsatz in der mechanischen Konstruktion. “
HTC:
“Etwa 0,016% der Kunden hatten Probleme mit dem Antenne-Signal des Eris.”
Sanjay Jha, Vize-CEO von Motorola:
“Es ist allgemein bekannt in der Branche, dass Antennen an der Außenseite von Produkte bekannten Problemehaben, und trotz der Tatsache, dass man dadurch kleinere Mobiltelefone herstellen kann, haben wir es bisher abgelehnt, denn wir moechten unseren Kunden nicht sagen, wie sie ihr Telefon zu halten haben.
Während die gesamten Branche damit zu leben hat, dass Telefone auf unterschiedliche Art und Weise gehalten werden, ist es unredlich zu behaupten, dass dies alle Telefone gleichermaßen betrifft. In unseren eigenen Tests haben wir festgestellt, dass das Droid X eine weitaus bessere Performance hat, als das iPhone4 “
Auweia Steve, alter Zauberlehrling, jetzt fehlt nur noch Samsung und das Desaster ist perfekt. Ich glaube man kann bereits an einer Hand abzaehlen, welche zukuenftigen Werbeclips von diesen Herstellern produziert werden.
Das kommt dabei rum, wenn man ueber einen Monat lang seine Kunden von vorne bis hinten fuer dumm verkauft. Seine Email an einen User, dass es kein Problem geben wuerde und er das Telefon doch bitteschoen anders halten sollte, dann die Anweisung an die Apple-Care Mitarbeiter den Kunden mitzuteilen, dass das iPhone 4 die beste Performance aller bisher gebauten iPhones haette… Apple tappte unbeholfen von einer PR-Falle in die naechste.
Wenn Jobs mit seiner Behauptung recht haette, dass die Medien nur Apple attackieren wollten, ja warum haben wir denn dann nicht massenhaft Videos vom letztjaehrigen iPhone 3GS gesehen, welches doch nach seinen Angaben eine schlechtere Empfangsleistung als die 4er-Version hat?
Apple beisst und kratzt um sich, zeigt paranoide Reaktionen und hat einfach ein fundamentales Problem damit, Fehler einzugestehen. Stattdessen haut Jobs lieber Floskeln raus, wie sehr Apple seine Kunden liebt und schiesst den Vogel ab mit dem Satz:
We love our users so much we’ve built 300 Apple retail stores for them
Danke Steve, ich dachte bisher immer, die Apple Stores wurden gebaut um Produkte zu verkaufen.
Das ehemalige durch und durch sympathische Unternehmen, diese Underdogs des Silicon Valley, die auszogen dem uebermaechtigen Redmond Paroli zu bieten, hat sich zu dem gleichen arroganten Monopolisten entwickelt, den es urspruenglich mal die Stirn bieten wollte. “Think different”, aber lass uns entscheiden, wie du zu denken hast.
Willkommen in der bunten Apple-Welt!
P.S. Das “Reality Distortion Shield”-Video aus Taiwan, will ich euch auch ohne Untertitel (zumindest nicht die passenden)nicht vorenthalten. Die bringen es echt auf den Punkt:
Quellen: CrackBerry, Engadget, WSJ, CNBC, Slate












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